Ein Artikel über die aktuelle Situation aus yogischer Sicht.

Liebe zur Zeiten der Cholera.

 

Dies ist der Titel eines meiner Lieblingsbücher (von Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez) und eine Erinnerung daran, dass die Erde und auch die Menschheit immer wieder Krisen erlebt.

 

Eben diese Tatsache lädt uns ein, die aktuelle Situation aus der Vogelperspektive zu betrachten. 

 

Was natürlich schwer ist, sobald wir persönlich betroffen sind. Sobald wir Menschen durch äußere Umstände unserer Freiheit der Bewegung und Entscheidung beraubt sind bzw. diese eingeschränkt ist, unsere Existenz womöglich auf dem Spiel steht und wir um unsere Gesundheit und die unserer Liebsten bangen, setzt bei vielen Panik ein. Wir verlieren den klaren Blick und oftmals sogar den gesunden Menschenverstand.

 

Doch was bedeuten unsere inneren Werte, wenn wir sie in einer heiklen Situation nicht abrufen können? Wir bezeichnen uns als zivilisiert und streiten im Laden um die letzten Rollen Klopapier. Als Mensch, der viel in der Welt unterwegs war - wo es häufig einfach kein Klopapier gibt - scheint mir das fast lustig. In Frankreich waren übrigens der Rotwein und die Kondome als Erstes ausverkauft ;)

 

Ich möchte diesen Artikel jedoch nicht in eine weitere Informationsflut münden lassen, da das momentan eh die meisten erleben und man gar nicht mehr weiss, was man noch lesen oder anschauen soll.

 

 

Vielmehr geht es um eine alternative Betrachtungsweise der Situation. Ich wurde gebeten, einen Artikel aus der yogischen Perspektive zu schreiben. Ungern möchte ich jedoch diese Sichtweise auf das Yoga beschränken, da jeder Mensch mit dem Herzen am rechten Fleck, meiner Meinung nach, eh ein Yogi ist.

 

Krisen sind immer auch Chancen und wir durchlaufen innerhalb einer Krise unterschiedliche Phasen: Angst, Akzeptanz und Einsicht. Je bewusster wie die einzelnen Phasen erleben, desto mehr können wir daraus ziehen.

 

 

 

ANGST.

“Die Angst vor der Gefahr ist schlimmer, als die Gefahr selbst”. 

- Afrikanisches Sprichwort

 

Wir alle haben in dieser Situation mehr oder weniger Angst. Die Frage ist nun: wie gehst Du mit Deiner Angst um? Hast Du einen guten Zugang zu Deinen Emotionen und kannst sie einfach fließen lassen? Oder versuchst Du, den inneren Druck durch Bewegung wie Joggen, Wandern gehen, Fussballspielen oder Yoga abzubauen? Viele Menschen trinken in solchen Situationen mehr Alkohol, nehmen Beruhigungsmittel oder kiffen.

 

Es geht mir hier nicht um die Bewertung der unterschiedlichen Umgangsweisen. Eher im Gegenteil: Sobald wir einander in so einer Situation bewerten, wird der schon vorhandene Druck nur noch schlimmer. Eine Krise erfordert Mitgefühl. Und die Kunst, unkontrollierte Worte und Taten unserer Selbst und unseres Gegenübers - wenn möglich - nicht persönlich zu nehmen.

 

Im Yoga gehen wir davon aus, dass wir nicht unsere Gefühle sind. Sie sind vielmehr ein Werkzeug, um Spannung in unserem Gemüt und Körper abzubauen. Das heißt: Wenn Du weinen kannst, weine! Wenn Du Dich betrinken musst, tu es! Aber versuche, deine Emotionen nicht auf den Schultern der Menschen um Dich herum abzulegen. Und wenn es passiert, dann entschuldige Dich so schnell wie möglich und stelle wieder Frieden her. In einer solchen Situation brauchen wir einander. Und das geht nur, wenn wir die Verantwortung für uns selbst übernehmen und unseren inneren Werten treu bleiben.

 

Was tust Du, um innerlich stabil zu bleiben?

 

Drogen mögen dabei helfen, die Angst nicht mehr so doll zu fühlen, aber sie nehmen leider auch oft die Kraft der Präsenz. Je präsenter wir sind, desto mehr können wir zu einem Fels in der Brandung für Andere werden und desto mehr Positives können wir in Form von Einsicht - letztlich aus diesen Herausforderungen - auch für uns selbst ziehen.

Also nimm die vorhandenen Gefühle liebevoll an, lass sie zu, atme tief durch und nimm dann den Menschen neben Dir in den Arm - und sei es virtuell ;)

 

 

 

AKZEPTANZ.

 

Sobald wir das annehmen, was wir momentan nicht ändern können, fällt ein Großteil der Last von unseren Schultern. Es wirkt, als würde sich ein Schleier von unseren Augen heben und plötzlich können wir wieder klarer denken.

 

Hier hat mich ein Spruch inspiriert, der an meinem Lieblings-Bioladen steht:

“Ich bin glücklich wenn es regnet, weil es auch regnet wenn ich nicht glücklich bin!”

 

 

Es ist nur schwer möglich, die beste Zeit unseres Lebens zu haben, wenn so viele Menschen leiden. Aber wir sollten nicht  vergessen, dass es immer Menschen gibt die leiden. Zu jeder Zeit! Manchmal sind wir davon direkt betroffen, manchmal nicht. Da diese Krise uns alle angeht, steht ein verantwortliches Handeln außer Frage. Aber müssen wir deshalb in Panik erstarren? Wem dient es, wenn es uns schlecht geht, wir deprimiert sind und uns eine schlechte Nachricht nach der anderen anschauen?

 

Bitte missverstehe mich nicht. Es ist etwas absolut anderes wenn jemand “an der Front” im Krankenhaus arbeitet, es einen Krankheitsfall in der nahen Umgebung gibt oder man selbst betroffen ist. Denn jeder weiß, wenn man direkt im Schlamm steckt, braucht man einfach nur eine helfende Hand, jemanden, der dann einfach nur Verständnis und Mitgefühl schenkt!

 

Im Yoga gehen wir zudem davon aus, dass wir ein großer, lebender Organismus sind - alle miteinander verbunden. Diese Betrachtung hebt die Wichtigkeit eines starken

Gemüts hervor. Wenn wir uns alle einfach nur gehen und die Panik über uns regieren lassen, ziehen wir einander gegenseitig in ein energetisches Loch.

 

Wenn wir aber lernen, die Situation anzunehmen, wie sie ist und das Beste daraus zu machen, sind wir bereits einen großen Schritt weiter. Es ist absolut ok, sich auch in dieser Situation gut zu fühlen! Du darfst nicht nur, sondern Du solltest jetzt die Dinge tun, die Dich kräftigen und nähren. Und lachen tut nicht nur gut, sondern wirkt zudem stärkend auf unser Immunsystem.

 

Mit Hilfe von Freunden, habe ich eine Liste zusammengestellt, mit Dingen, die uns potentiell helfen, in dieser herausfordernden Zeit stark zu bleiben:

 

  • Tägliche Telefonate mit Freunden und Familie
  • Natur und frische Luft, wenn möglich
  • Bewegung: Workout, Joggen, Fahrrad fahren, Yoga, Stretching...
  • Wenn Du mit Deinen Kindern bist: Hochqualitative Zeit mit ihnen verbringen. Spiele!
  • Gesunde Ernährung
  • Tägliche Dankbarkeitspraxis: Schreibe drei Dinge auf, für die Du dankbar bist
  • Vielleicht nutzt Du die Zeit zum Fasten?
  • Stille genießen
  • Handarbeit wie Häkeln, Stricken oder Makramee
  • Wenn Du mit Deinem Partner bist: Liebe machen und vielleicht mal etwas Neues
  • ausprobieren ;)
  • Kunst: Singen, Musizieren, Tanzen und Malen
  • Tägliche Meditation
  • Lecker kochen und backen
  • Frühlingsputz
  • Träumen
  • Liegengebliebene Projekte abarbeiten
  • Schokolade oder Kakao macht bekanntlich glücklich ;)
  • Wenn Du alleine wohnst: Online Lunch/Dinner Dates mit Freunden
  • Online Bordgames-Verabredungen
  • Nichts tun! ...

 

Sicher hast Du Dir selbst bereits ein Programm zusammengestellt. Dies ist ein wichtiger Bestandteil der Phase der Akzeptanz. Der Mensch ist sehr anpassungsfähig. Wenn wir so sehr in unseren Routinen gefangen sind, vergessen wir dies manchmal. 

 

Anstrengend wird es nur, wenn wir gegen die jetzige Situation ankämpfen oder konsequent nach einem Sündenbock suchen. Denn den gibt es nicht. Wir sitzen in diesem Boot gemeinsam und es ist ganz sicher nicht leicht, jetzt in einer führenden Position zu sein und für andere entscheiden zu müssen. This being said: Bringen uns Verschwörungstheorien wirklich weiter?

 

Thich Nhat Hanh, ein sehr weiser buddhistischer Mönch sagte einst, dass Loslassen uns Freiheit gibt und Freiheit die einzige Bedingung für das Glücklichsein ist.

 

 

Was kannst Du also gerade nicht ändern und somit loslassen? Wie kannst Du Gewicht von Deinen Schultern schütteln, um wieder tief atmen zu können?

 

Akzeptanz des präsenten Moments und dann das Beste daraus machen.

 

 

EINSICHT.

 

Es gibt zur Zeit viele Spekulationen, Sichtweisen und Fakten, warum diese Krise auch etwas Gutes haben kann. Eine heilende und konstruktive Sichtweise liegt hierbei immer auf der Innovation, im Sinne von Erneuerung und Verbesserung der bisherigen Situation.

 

In diesem Abschnitt möchte ich mitfühlend betonen, dass wenn wir Menschen uns inmitten der Krise befinden, es weder die energetischen, noch die emotionalen Kapazitäten gibt, um diese positiven Aspekte zu sehen. Dies ist ein natürlicher Prozess und jeder Mensch hat und braucht diesbezüglich seinen eigenen Rhythmus.

 

Hier ein paar Ideen, wenn es Deine individuelle Situation erlaubt:

Welche Möglichkeiten bringt uns diese besondere Zeit des Rückzugs und der physischen Isolation? Was macht es mit uns Menschen, wenn wir gerade einmal nicht den Erdball bereisen, von A nach B hechten und kontinuierlich die Natur mit unserer Präsenz herausfordern?

Die wunderbaren Nachrichten, dass die Flüsse in Venedig wieder ganz klar vor sich hin fliessen oder Delfine in italienischen Häfen gesichtet wurden, dürfen ganz offiziell genossen werden.

 

In China wurde in bestimmten Bereichen weniger Stickstoffdioxid in der Luft gemessen und in vielen europäischen Städten spielen Musiker von ihren Balkonen gemeinsame Konzerte.

 

Wir Menschen erinnern uns in Krisen an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Nachbarn, die sonst nicht wirklich miteinander reden, tauschen nun Kontakte für den Notfall aus.

 

Auf meinen Spaziergängen in den letzten Tagen habe ich so viele Vögel in der Luft wie noch nie zuvor gesehen. Und wenn Du genau hinhörst, bemerkst Du, dass sie auch ein wenig lauter singen.

 

Vielleicht ist diese Krise genau das, was wir als Menschheit brauchen, um wachsen zu können und uns an vergessene Werte und Qualitäten zu erinnern. Es eröffnet einen Raum, der uns die Frage  stellen lässt, ob das schon alles war oder wir nicht doch als Individuum und als gesamte Menschheit wachsen und uns zum Besseren hin entwickeln können.

Denn auch wenn dieser Fakt meistens schmerzt: Dem Neuen geht die Veränderung und das Loslassen voraus.

 

In diesem Sinne meine Einladung an Dich:

Jeder kann jetzt ein Held sein. Wir müssen ja nicht gleich die ganze Welt retten. Aber wir können an die Menschen denken, die alleine zu Hause sind. Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und all diejenigen, die durch ihre Jobs nicht zu Hause sein dürfen!

 

Helden werden nicht aktiv wenn es leicht ist - Helden werden aktiv, wenn es herausfordernd wird.

 

In Liebe, Mitgefühl und ganz viel Vertrauen, 

Lucie Beyer 

 


I LOVE MYSELF – LUCIE BEYER ÜBER SELBSTLIEBE

Selbstliebe ist alles andere als egoistisch. Die Berliner Yoga- und AcroYoga-Lehrerin Lucie Beyer erklärt, warum Selbstliebe so wichtig und gesund ist und wie wir lernen können, fairer mit uns selbst umzugehen.

Das »Schlimmste«, was uns passieren kann, ist, dass wir uns in Oberflächlichkeiten verlieren. In externer Aufmerksamkeit, die so gar nichts mit Echtheit und unserem inneren Wesen zu tun hat. Denn das, was uns die Medien predigen – wie wir auszusehen haben zum Beispiel oder was wir kaufen sollten, damit wir glücklich sein können und Glück in der Liebe haben, lenkt uns von unserem eigentlichem Wesen ab.

Ohne es zu merken, werden wir abhängig von äußeren Umständen und das bringt uns immer wieder weg von dem, was uns ausmacht und wer wir wirklich sind. Und das ist auf Dauer ziemlich anstrengend. Denn es erfordert extrem viel Aufwand, eine Fassade aufrecht zu erhalten – zudem ist ein Leben an der Oberfläche alles andere als nachhaltig. Früher oder später kracht das Kartenhaus immer zusammen. Das nennen wir dann Burnout.

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Check out my latest interview for the OGNX Family!


"Feminism isn't about making women strong. Women are already strong. It's about changing the way the world perceives that strength." — G.D. Anderson


Ein sehr schönes Interview mit meiner Yogasister Elisabeth Althoff und mir!
 
Immer ein super Gefühl, wenn man bei all den Fragen einfach man selbst sein kann und gar nicht merkt, dass dabei aufgenommen wird. Einfach ein schönes Gespräch!
 
Toller Blog über Achtsamkeit, danke dass ich dazu beitragen durfte.